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Appenzeller Verlag LeseprobeAlle Rechte vorbehalten. Die Verwendung der Texte und Bilder, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung oder die Verwendung in elektronischen Systemen. © Appenzeller Verlag www.appenzellerverlag.chRainer Stรถckli und Ina PraetoriusVATER UNSER MUTTER Das Gebet des Herrn in 150 Variationen aus 250 JahrenDie Drucklegung dieser Anthologie haben wohlwollend unterstützt – Kulturförderung des Kantons Appenzell Ausserrhoden – Evangelisch-reformierte Kirche des Kantons St. Gallen – Kultur Toggenburg – Rheintaler Kulturstiftung – Stadt St. Gallen: Förderung des kulturellen Schaffens – Gemeinde Reute: Kulturkommission – Vortrags- und Lesegesellschaft im Toggenburg (VLT) Weitere Danksagung auf Seite 314.© 2017 by Appenzeller Verlag, CH-9103 Schwellbrunn Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger, auch auszugsweiser Nachdruck sind vorbehalten. Gestaltung: Janine Durot und Josef Scheuber Gesetzt in ITC Legacy Serif Std und ITC Avant Garde Gothic Std Gedruckt auf Lessebo Smooth Natural, leicht geglättet, naturweiss, holzfrei, 120 g/m² Satz: Appenzeller Verlag, Schwellbrunn ISBN 978-3-85882-775-3 www.verlagshaus-schwellbrunn.chInhaltsverzeichnis Drei Portale 9 Vatter vo üüs ale. Adnoten 21 Gott, der Du / die Du / das Du … Vierzehn Mustertexte 41 Im Himmel zwischen uns. EssayDie Sammlung 50 Umschreibungen 98 Altsprachliche Fassungen 108 Umschreibungen 180 Das Mutterunser-Gebet 220 Schweizer Mundarten und andere 248 Surselvisch und Exotisches 258 PervertierungenAnhang 308 Zum Buch / zur Sammlung / zum editorischen Verfahren 314 Die Vaterunser-Variationen chronologisch 319 Die Autoren/Autorinnen alphabetischDrei Portale 9Vatter vo üüs ale im Himmel. Sieben Adnoten zum Vaterunser-Gebet von Rainer Stöckli21Gott, der Du bist / die Du wohnst / das Du weilst im Himmel41Im Himmel zwischen uns. Ein Essay zum Unservater-Gebet von Ina PraetoriusErstes Portal Vatter vo üüs ale im Himmel. Sieben Adnoten zum Vaterunser-Gebet von Rainer Stöckli1. Gezählt und gewogen Unser Vater. – Mutter unser. – unser vater / der du bist die mutter. – Bab nos. – Babbu nostru. – Eise Papp am Himmel. – Und so, ad libitum, fort. Es sind in unserer Sammlung mehr als hundertfünfzig Vaterunser-Versionen vorgelegt: allergattung Variation auf das «Gebet des Herrn». Zwei Fassungen haben vor Jahr und Tag die Evangelisten notiert: Matthäus in Kapitel 6 die Verse 9 bis 13, Lukas in Kapitel 11 die Verse 2 bis 4. Die Stuttgarter Jubiläumsbibel, 1963 in den Werkstätten der Württembergischen Bibelanstalt gefertigt, setzt zwischen Anrede und Bitten einmal ein Komma, einmal ein Rufzeichen, trennt danach Bitte von Bitte mittels Punkten. In den Versionen, welche wir vorlegen – in den Literarisierungen (Abteilung 1), den Umschreibungen (Abt. 3), den Dialektfassungen (Abt. 5), den Pervertierungen (Abt. 7) sind die Bitten vornehmlich mittels Komma vereinzelt. Die schriftbräuchliche Interpunktion wird auch von Verdrehern, Umdichterinnen, Parodisten verwendet; allenfalls verzichten Gewährsleute wie Konrad Farner, Günther Faschinger, Hans Peter Gansner auf Zeichensetzung – und zwar, weil sie die Einheiten ihrer Variante wie Gedichtverse brechen, im Extrem gar, ohne literarisch einsichtiges / einsehbares Motiv, auf Mittelachse setzen. Hans Häring reiht mittels Spiegelstrich, bietet folgedessen eine gut vierzigzeilige Wörtersäule. András Sándor löst, indem er sich von der Bittenfolge entfernt, in Lauftext auf, schliesst jedoch mit Amen, wie übrigens das Gros der hier vorgelegten Paraphrasen (der Neben- oder Gegen-Sagungen) alias Travestien (der Umkleidungen). Frappieren möchte einen, dass in der Schar der Vaterunser-Verfremder und -Umdichterinnen kanonisierte Schriftsteller begegnen, auch namhafte Lyrikerinnen. Ich nenne hier Rose Ausländer, Heinrich Federer, Peter Hamm, Heinz Kahlau, Gisela Kraft, Margarete Hannsmann, Robert Schneider, Peter Weiss. 10Man dürfe, folgere ich, Spassvögeln gleich viel Skepsis entgegenbringen wie den ‹Schrift stellenden› Beterinnen Respekt für ihre Versuche, zeitgemäss zu sein; man dürfe sich, darüber hinaus, allen anders Ernsthaften gegenüber gefasst machen, Poetisierungen schätzen zu lernen.2. Vor jedwedem weiteren Ernst «Vater unser – Satzzeichen nach Anrede. Geheiligt werde dein Name / es komme dein Reich / es geschehe dein Wille – Aussagen 1 bis 3, Optativsätze, unverbunden, gleichwertig, mit Komma zu trennen. Vergib uns unsere Schuld […] und führe uns nicht in Versuchung – zwei Bitten, mittels Konjunktion verbunden, also kein Beistrich.» Und so weiter … «Natürlich können Sie, Herr Kollega, anhand des sog. Herrengebets Kommaregeln plausibilisieren. Aber es gibt, mit Verlaub, weniger hehre Texte. Mindestens so zweckmässig.» Ob Schiller sich eher eigne? Hans Meiers, des «Bearbeiters» Rechtschreibebuch für Schweizer Schulen, 1974 in zwölfter Auflage an die zirka fünfhundertste Deutschklasse verteilt (bei Büchler in Wabern gedruckt), Meiers Lehrbuch exemplifiziert die Interpunktions-Regel, dass Kommata Satzreihen trennen, sofern die Aussagen vollständig seien und obgleich sie durch ‹und› oder ‹oder› verbunden seien, mit Zitat aus dem Schauspiel Wilhelm Tell. Als Exempel dient des greisen Attinghausen prophetisches Diktum: Das Alte stürzt – erste Setzung, also Komma, um deren Komplettheit zu markieren – es ändert sich die Zeit – zweite Setzung, gleichfalls selbständig, Komma signalisiert deren Ende, aber der ehrenwerte Alte schliesst noch an – und neues Leben blüht aus den Ruinen – dritte Setzung, dritter vollständiger Hauptsatz, syntaktisch unabhängig von der voraufgehenden Aussage, also Komma nötig, wenngleich durch Konjunktion verbunden. – «Nichtsdestotrotz, Herr Kollega, es gäb nochmals weniger hehre Beispiele als nunmehr das aus 11dem Tell-Drama (IV, 2) geschöpfte, womit Sie Zeichensetzung zu drillen belieben.» Wenn nach all dem kein Interpunktions-Unterricht anhand neutestamentlicher bzw. literaturklassischer Texte, so heutzutage gewiss auch kein Vaterunser mehr als Leseprobe in Sprechzimmern von Augenärzten. Es muss sie um 1840 gegeben haben: Kupferstich-Abzüge, Kleinplakate mit Format 15 x 11 Zentimeter; keine Gewähr, dass sie als «Prüfstein für gute Augen» gedient haben, aber die Arbeit des ambitionierten (?) Tief Tiefdruck-Graphikers ist so getitelt – der Zweck so deklariert. Im Textkreis des rechteckigen Papiers, inmitten florealer und figürlicher Verzierung, sollen das Vaterunser-Gebet und das Gros des Dekalogs notiert sein (bis Mitte des achten Gebots). Und zwar auf der Fläche eines «Silbersechsers», eines ungefähr fränklergrossen Geldstücks. Muss ein ganz eigener (Wett-)Bewerb gewesen sein, mit dem Areal einer Münze zurandezukommen, eine Kupferplatte zu gestalten, ein Gebet und Gebote zu ‹stechen›; dürfte später auch bloss besonders Ehrgeizige angestachelt haben, die kleinstschriftige Graphik zu buchstabieren.Vorgeblich ein Sehtest, «Prüfstein für gute Augen». Kupferstich auf festem Papier, um 1840. Kaufangebot eines Würzburger Antiquars.3. Der Vater ist hierzulande en Vatter Zwei Amplifikationen Hat das Vaterunser in der Bionomie des Betens einen Anfang? Im mittleren Primarschulalter ist unsereiner – wie die ganze Klassengemeinschaft damals im Gossauer Notkerschulhaus (dem ‹Noggi›) – vom Religionslehrer (einem der Kaplane der Pfarrei) geheissen worden, bis dann oder dann das Gebet X oder Y auswendig hersagen zu können. Ich habe dazumal alle der sukzessiv angeforderten Gebete im Wortlaut gewusst und mich für keines anstrengen müssen, über Wochen hin nicht. Später haben sich mir – gegenüber der oder jener Gebetsformel – Momente des Stutzens eingeprägt. Beispielsweise, zeit 12meiner Fribourger Jahre, die Reflexion der vierten Bitte innerhalb des Gebets des Herrn: Gib uns heute (Vater im Himmel) unser tägliches Brot. Gib uns unser! Brot. Heute (Vater) das tägliche! Einer Antwort Meinrad Schellers, des Indogermanisten, erinnere ich mich bis heute – s. Abschnitt 5 dieser Adnoten-Folge. Davor oder danach bin ich mehrmals dem ‹Vatter›-Wort begegnet: notiert mit doppeltem ‹t›, damit das in der Mundart kurze ‹a› plausibel sei. Einerseits in Otto F. Walters Erstling Der Stumme (EA 1959, 31960), exklamativ, vokativisch, in Form des Appells «Vatter!», übrigens wiederholt. Anderes Lese-Erlebnis, mit einiger Ungehaltenheit registriert, einzuschätzen als Versäumnis, und zwar des Zürcher Universitäts-Germanisten Stefan Sonderegger, der beim Versuch (ausdrücklich einem «Versuch»), das Gebet des Herrn in Appenzellische Mundart zu übertragen, die Anrede «Vater» mit bloss einem ‹t› verschriftlicht hat. Kann nichts anderes bedeuten als: langes ‹a›. Die jüngst erschienene Appenzeller Anthologie (Schwellbrunn 2016) hat solche Apostrophe mittels tt-Notation zurechtgesetzt. Demgegenüber kein Anlass, ein possessivisch fragliches «unser» (in Prä- oder Postposition zum «Vater»-Wort) mit der Auflösung «Vat[t]er vo üüs ale» nicht gelten zu lassen; der Vorschlag umgeht die Schwierigkeit, die man mit dem entweder Besitz oder aber Zugehörigkeit anzeigenden Fürwort haben könnte.Siehe S. 226.Vgl. diesbezüglich Joseph Waldners «Gesang» von 1765 (S. 112), im Gegensatz zu Peter Roths Jodel-Vertonung des Vaterunsers in seiner Johannermesse (2013).4. Noch eine Amplifikation vattr / im himu Definitiv nach meinen Fribourger Jahren die dritte Rezeption der dialektalen Vaterunser-Anrede. Ausgangslage: Kurt Marti (ausgerechnet er) muss gelegentlich geäussert haben, das Gebet des Herrn könne man nicht in eine Mundart – nicht «ins Berndeutsche»! – übersetzen. Der Psychiater und Schriftsteller Wal13ter Vogt, sechs Jahre jünger als Marti, aufgrund seiner Ausbildung und Tätigkeit vielleicht auch anders schamhaft als der evangelische Theologe mit Pfarramt in der Berner Nydegg, – Vogt mag oder muss sich herausgefordert gedünkt haben und hat in der Folge, für Wolfgang Fietkaus 1969er Sammlung anrufe in texten der gegenwart (Wuppertal: Jugenddienst), eine provokante Version vorgelegt: «vattr / im himu / häb zu diim imitsch soorg». Und frisch voran in alles anderem als ehrerbietigem oder gottesfürchtigem Ton, übrigens mit fabelhafter Aufmerksamkeit sowohl fürs Verschriftlichen seiner (auch Martis?) Mundart als auch für die Wirkung der Vokallängen und mancher Konsonanten-Verdoppelung: «üüs wäärs scho rächcht [… wänn] alls nach diim gringng giengng». (Fietkau S. 110) Ein Gespräch post festum – allenfalls ein Schriftwechsel der beiden – ist mir nie zu Gehör / zu Gesicht gekommen. Fest steht indessen, dass Marti nicht vorsichtig genug geurteilt hat; jedenfalls ist, Jahre später, das Vaterunser von Marti ebenfalls literarisch aufgegriffen worden, deutlich ausgebaut; das Resultat, acht Strophen auf drei Druckseiten in der Sammlung abendland (Darmstadt 1980), ist in der vorliegenden Anthologie ebenfalls zu lesen.Siehe S. 224.Siehe S. 26 ff.5. Sophismen Brot bitte. Täglich. Auch heute. Das tägliche Brot In ihren Erzählungen zum Vaterunser, 1926 in Stuttgart erschienen, braucht Käthe Dorn für die (gezählt:) vierte Bitte des sog. Herrengebets die Formel «unser täglich Brot» (S. 111). Der Verzicht auf die gehörige Flexionsendung des Adjektivs (ausserhalb des liturgischen oder poetischen Sprachbrauchs ein Defekt) soll feierlich wirken. Grammatisch ordentlich flektiert (gemäss den Normen der Geschlechts-, Fall- und Zahl-Kongruenz zwischen Nomen und Eigenschaftswort) spräche die vierte Bitte von täglichem Brot: 14Gib uns heute unser tägliches Brot. Ein solcher Wortlaut rückte die Pronomina einander nahe – und spitzte das Problem (mein Problem) zu. Wohingegen die Kopfstellung des Possessivums das besitzanzeigende ‹unser› und den Dativ des persönlichen Fürworts ‹uns› spreizt. Die Kopfstellung der Verbform – nach drei Konjunktiven (so auch in Latein) ein leiser, unheftiger Imperativ – problematisiert den Gehalt der Bitte. Halten wir, die zu Begabenden, halten wir, die Nutzniesser, das Brot, um welches wir bitten, für eine Gabe, die wir zugute hätten? Unser Brot gib! Es scheint um Brot zu gehen, wofür gefälligst Einer sorgen soll, damit es uns zukomme. Hiesse es nicht besser, so umständlich wie ehrerbietig: Gib uns, Vater, das tägliche Brot! Gib es uns auch heute! Sobald wir den himmlischen Vater darum ersuchen, uns unser Brot zu gewähren, scheint in die Bitte ein Anspruch gelegt. Kann es denn ‹unser› Brot sein, das ‹uns› zukommen soll? Nun ist weder dieses Deliberieren über Bitte und Anspruch, über was wir Beterinnen wünschen und über was wir scheint’s als Guthaben einschätzen – noch ist die Wortstellung oder die Grammatik der vierten Bitte das, was mich hauptbeschäftigt. Vielmehr das Epitheton zu Brot, das ‹täglich›. Und dabei wiederum nicht die elliptische Form bei Dorn (die Verstümmelung), vielmehr die Lesart des – bitte, Vater im Himmel – täglich zu gewährenden Brotes. Beschäftigt mich übrigens, seit ich in den Vorlesungen des Indogermanisten Meinrad Scheller gesessen habe, zeit meiner Fribourger Jahre, insbesondere in dessen Kursus ‹Gotisch› und in den Lehrveranstaltungen über Griechisch-Lateinische Formenlehre. Samstags 10 bis 12 Uhr, gern ausgedehnt / ausgekostet bis Nachmittag ½ 2 Uhr. Tägliches Brot? Allbereits das lateinische panem cot(t)idianum (Akkusativ Singular) könnte einen aufstören. Die Übertragung «tägliches Brot» verunklärt nämlich: was uns bisher von allein und allgemein verständlich vorgekommen ist, ein tägliches Brot als Nahrung(smittel) für jeden Tag – steht das nicht in 15Opposition zu (einem) Brot pro Woche – die Fünfpfünder aus Kindheitsjahren fallen einem ein; in Opposition sodann zu Verpflichtungen mit anderen Laufzeiten, z. B. pro Monat, pro Jahr (etwa eine Zinsleistung). Laut meinem Grossen Schulwörterbuch Latein von Langenscheidt (Berlin 71982) existieren zum Adverb cot(t)idie – das sei früheres *quotitos die – die beiden Termini quotkalendis für ‹monatlich› und quotannis für ‹alljährlich›. Die unfeste Schreibung des cot(t)idie, zumal diejenige mit zwei ‹tt›, lässt erraten, es seien in dieser Umstandsbezeichnung, und folgerichtig im abgeleiteten Adjektiv, quot und dies aneinander geraten. Aufzufassen als ‹am wievielten Tag auch immer›. Das bereits indogermanisch vermutete Fragewort *quoti (nicht flektierbar) hätte ‹wie viel(e)?› bedeutet – und hätte in der korrelierenden Fügung mit tot verstanden werden dürfen als ‹wie viele auch – so viele wie›. Wollten wir jetzt, bequemlichkeitshalber, das *quoti plus die = cot(t)idie als ‹täglich› auffassen, so resultierte eine Art Gewissensfrage. Mit der wohlfeilen Übersetzung (vgl. unten Gotisch) verpassen wir es, zu erwägen, ob wir denn in diesem ‹unserem› Anspruch täglich nicht Brot erbeten, das der Vater im Himmel anständigerweis gebe oder gewähre oder verschaffe … … solange die ‹Brot›-Imagination vorhält, prägt sich die Manna-Erinnerung auf … … Brot also gegeben / gewährt / verschafft / vom Firmament geschneit – und zwar am wievielten Tag auch immer? Gib, Vater, Tag für Tag Brot … Oder: Gib, Vater, an dem Tag Brot, an welchem wir es nötig haben … Was letztlich nichts anderes heisst als: an anderen Tagen nicht! Und die Bitte, jetzt sorgfältiger, dürfte lauten: Gib uns, Vater, je und je Brot. «hlaif unsarana [Akkusativ Singular] Ϸana sinteinan [do.] gif uns himma daga»: so hat der Ostgotenbischof Ulfilas (Wulfila) vor oder um 375 n. Chr. aus dem Griechischen übersetzt. Ich verstehe: das Brot gib, das zu diesem Tag gehört / so viel Brot gewähre, wie zu diesem Tag hinzukommen soll / so viel Brot verschaffe, als an diesem Tag vorhanden ist … Es gehe, meine ich,Vgl. S. 24.16um hinlänglich (viel) Brot. Liegt das nicht nah genug am oder gar zugrunde dem altgriechischen epiousion (Akkusativ Singular zu arton), welches ‹Brot› bezeichnete, das hier ‹das erste beste› zu sein hätte – im Sinn von ‹das gelegentliche› bzw. ‹das bevorstehende› bzw. ‹das dann und wann (himma daga / sämeron) dazukommende›? Adverbial im Gotischen: sinteinô. Gotisches sinteins (Adjektiv im Nominativ) mit ‹täglich› zu übertragen sei, meine ich, schnellfertig; müsse redundant wirken (im Sinn von ‹das tägliche Brot gib uns jeden / gib uns diesen Tag›); mute so vage an, dass wir die Bitte missverstehen. Hätten wir Beter Brot denn zugute wie die Morgendämmerung? Und falls wir es zugute hätten: müssten wir den himmlischen Vater darum bitten? Unter definitiv nicht genug demütigen Andeutungen, erstens wünschten wir unseriges Brot und zweitens wünschten wir es Tag für Tag?6. Pervertierungen / Umstürzungen Wäre das Gebet des Herrn nicht nur ein hinterfragbarer Text, sondern am End auch einer, der sich wie keiner sonst zur Verfremdung eigne? Nicht zuletzt dazu sich eignet, Befremden hervorzurufen. – Zu welchem liturgischen Gebet gibt es mehr Gegengebete? Zwar: wenn Robert Neumann in den 1960er Jahren 180 ‹Parodien› publiziert, so sieht man so gut wie keinen Verfasser sowohl Schöner Literatur als auch philosophischer Thetik ausgespart – weder die Grössen (Benn, Brecht, Kant) noch die Exoten (Eich, Hofmannsthal, Nietzsche). Und noch ein Zwar: wenn später, 1989 in München, Verweyen / Witting ‹Travestien› versammeln, mit Spannweite von Homer bis Handke, so bleibt auch da das Vaterunser als Vorlage oder Übungsstück ausgeblendet. Aber: wenn unsereiner seiner Lebtag lang – will sagen: seiner Lestage lang – Vaterunser-Verkehrungen sucht, so begegnen ihm Automobil unser / Bier unser /Vgl. jedoch S. 264.17Fernseh unser / Fortschritt unser / Kapital unser / Konsum unser / Krieg unser / Mammon unser / Staat unser / Unterwäsche unser – und nicht wenige Eigennamen oder Amtsbezeichnungen (Christoph unser / Rektor unser) – und fast immer ist bald Keckheit, bald Grimm am Werk. Die Haltungen dahinter: seht, Leute, was unsereiner sich getraut resp. was einem wie mir in den Sinn kommt; wollt ihr’s wirklich wissen, Leute? Gottverloren die Welt – grundverdorben die Gesellschaft – beschissen das Dasein. – Fast immer: laut dem Magazin Schweiz, Heft 1/2 2017, lädt derzeit das Alpine Museum der Schweiz (Bern) in eine Sonderausstellung mit Thema «Wasser unser. Sechs Entwürfe für die Zukunft». Feinsinnige, hellhörige Assonanz von ‹Vater› zu ‹Wasser›! In den Neben- und Gegengesängen unserer siebten Abteilung differieren die Stilniveaus, die Anstandsgrade, die Mittel der Verunglimpfung; es klaffen die literarischen Ebenen! Die Extreme möchten einerseits Kabarett-Nummern sein, muten andererseits an wie Pamphlete. Aber durchwegs ist ein kanonisierter Text verunheiligt, ein Lehrgebet verulkt, ein Venerandum verhunzt: niedergeschrieben in die Niederungen sich (streng genommen!) nicht lohnender Existenz.Bzw. zu ‹Bauer›: April 2017 lädt das St. Galler Kinok in die Lokremise zur Vorführung des österreichischen Films «Bauer unser».7. Erniedrigungen weder weitläufig plappern wie die Heiden noch auf dem Markt reden wie die Heuchler Die Anschwärzungen passieren ja schon bei Matthäus und – anders – bei Lukas: Neben der Jüngerschaft, Neben der Jüngerschaft, die dazu neigt, die darauf aus ist, sich Ratschläge geben zu lassen, richtiges Beten zu lernen, muss man sich offenbar anstrengen, muss man sich damit befreunden, anders als die Scheinheiligen und dass wiederholtes / ausdauerndes die Schwätzer vor Gott zu treten, Bitten allein deshalb zur nämlich möglichst diskret, Wunscherfüllung führe, will sagen: im Verborgenen. weil es störe, ja lästig wirke. 18
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