Automotive

Risiken und Nebenwirkungen der Informatisierung des Alltags

Description
Risiken und Nebenwirkungen der Informatisierung des Alltags
Categories
Published
of 19
All materials on our website are shared by users. If you have any questions about copyright issues, please report us to resolve them. We are always happy to assist you.
Share
Transcript
  Risiken und Nebenwirkungen derInformatisierung des Alltags Lorenz M. HiltyAbteilung Technologie und Gesellschaft, Eidgenössische Materialprüfungs- undForschungsanstalt (Empa), St. Gallen Kurzfassung. Die „Informatisierung des Alltags“ ist eine Vision mit einem ho-hen gesellschaftlichen Veränderungspotenzial. Die Abschätzung der Folgen einersolchen Entwicklung ist notwendig, will man unerwartete negative Auswirkungenminimieren. In der kurzen Geschichte des breiten Einsatzes digitaler Informations-und Kommunikationstechnologien hat es sich bereits gezeigt, dass sich der techni-sche Fortschritt nicht automatisch in die erhofften Vorteile für Individuum, Orga-nisation und Gesellschaft übersetzt. Beispielsweise muss der Gebrauch schnellererHardware nicht zu einer höheren persönlichen Arbeitseffizienz führen und derEinsatz von IKT in Organisationen nicht zu geringeren Informationskosten. Dieses„IT productivity paradox“ ist teilweise durch Rebound-Effekte zu erklären, die auseiner technikzentrierten Perspektive meist übersehen werden. Psychologische,gesundheitliche, soziale und ökonomische Effekte einer höheren technischen Effi-zienz müssen daher in einer Abschätzung der Technologiefolgen berücksichtigtwerden. Eine Prospektivstudie für Pervasive Computing hat gezeigt, dass jenseitsvon Produktivitätsaspekten auch die Problemfelder Stress (u.a. durch das Gefühldes Überwachtwerdens), Freiwilligkeit (Autonomie von Konsumenten oder Pati-enten), unbeherrschbare Komplexität (emergente Eigenschaften der entstehendenInfrastruktur) und Fragen der ökologischen Nachhaltigkeit zu beachten sind. Einleitung Die politische Vision einer Informationsgesellschaft, deren Wertschöpfungspro-zesse sich als Folge des allgemeinen Zugangs zu Informations- und Kommunika-tionstechnologien (IKT) grundlegend von denen der Industriegesellschaft unter-scheiden, verbindet sich heute mit der technologischenVision einer Informatisie-rung des Alltags. Gegenstände des täglichen Gebrauchs sollen zu „smart objects“werden und selbsttätig Daten austauschen können. Nach der „letzten Meile“ zumHausanschluss sollen nun die letzten Meter und Zentimeter zu den Alltagsgegen-ständen im Wohnzimmer, am Arbeitsplatz oder am Handgelenk digital überbrücktwerden.Diese Visionen besitzen gesellschaftliches Veränderungspotenzial. Neue Ge-schäftsmodelle, aber auch neue Formen von Konflikten werden voraussichtlich alsemergente Phänomene aus der entstehenden Infrastruktur hervorgehen. Die Be-deutung des physikalisch-geographischen Raumes als Ordnungsprinzip für Ursa-  188 Lorenz M. Hilty che und Wirkung wird schrittweise abnehmen. Andere Ordnungsprinzipien wiedie Topologie von Netzwerken, Zugriffsrechte auf Datenbestände und geistigeEigentumsrechte werden langfristig bedeutsamer werden als die Kontrolle überein physisches Territorium. Angesichts dieses Veränderungspotenzials erscheintes notwendig, auch über mögliche Nebenwirkungen und Risiken einer „Informati-sierung des Alltags“ nachzudenken.In der Medizin bezeichnet man als  Nebenwirkung einer Behandlungsmethodeeinen Effekt, der zwar unerwünscht ist, aber zugunsten des beabsichtigten Haupt-effekts häufig in Kauf genommen wird. Der Patient muss also zwischen Haupt-und Nebenwirkung abwägen. Ein  Risiko ist ein unerwünschter Effekt, der nichtmit Sicherheit eintritt. Der mögliche Schaden kann hier wesentlich höher sein alsder erwartete Nutzen der Behandlung, jedoch tritt er nur mit einer geringen Wahr-scheinlichkeit ein. Hier ist also der erwartete Nutzen gegen das quantifizierte Risi-ko (Schadenshöhe multipliziert mit Eintrittswahrscheinlichkeit) abzuwägen. Häu-fig ist das Risiko allerdings nicht quantifizierbar, weil die Wahrscheinlichkeitnicht bekannt ist oder weil der Schaden aus prinzipiellen Gründen nicht in Zahlenauszudrücken ist – die Abwägung ist dann notwendigerweise subjektiv.Entlang dieser medizinischen Analogie will ich in diesem Beitrag einige kriti-sche Fragen an die Vision bzw. die Visionäre der „Informatisierung des Alltags“richten. Dabei bin ich mir bewusst, dass die Analogie ihre Grenzen hat: Währenddas Ziel einer medizinischen Behandlung klar definiert ist – eine bestimmte Er-krankung zu vermeiden, zu heilen oder zu lindern –, so ist das gesellschaftlicheZiel eines ubiquitären Einsatzes von IKT nicht vorgegeben. Es fehlt also ein ver-bindlicher Konsens über den  Nutzen , gegen den die Nebenwirkungen und Risikenabzuwägen wären. Wie der UN-Weltgipfel zur Informationsgesellschaft in Tunis2005 erneut gezeigt hat, ist ein gemeinsamer Nenner über den nutzbringendenEinsatz von IKT meist nur in relativ abstrakten Bekenntnissen wie „Armutsbe-kämpfung“ oder „Zugang für alle“ zu finden. Solche Ziele klingen positiv, sindaber aufgrund ihres hohen Abstraktionsniveaus nahezu inhaltsleer. Der politischeKonsens wird schnell brüchig, wenn es darum geht, die Ziele zu konkretisieren.Im nachfolgenden Abschnitt dieses Beitrages werde ich deshalb zunächst einigeder bisher  mit dem Einsatz von IKT verfolgten Ziele („Effizienz“ und „Produkti-vität“) als gegeben betrachten und zunächst untersuchen, wie weit diese in derVergangenheit realisiert werden konnten. Meine Hauptthese ist hier, dass es uns inden vergangenen Jahrzehnten relativ schlecht gelungen ist, Fortschritte im Bereichder IKT in Fortschritte für Menschen und Organisationen zu übersetzen. Aus heu-tiger Sicht ist das u.a. dadurch zu erklären, dass systemische Nebenwirkungen desIKT-Einsatzes übersehen wurden. Wenn aber schon diese vergleichsweise be-scheidenen Ziele nicht erreicht werden konnten, was ist denn von den heutigen,viel weitergehenden Zukunftsvisionen zu halten?Der anschließende Abschnitt konzentriert sich auf die  Risiken einer möglichenzukünftigen „Informatisierung des Alltags“ und greift das oben erwähnte Problemwieder auf, nicht quantifizierbare Risiken in Entscheidungen einbeziehen zu müs-sen. Vor dem Hintergrund des Vorsorgeprinzips werden hier qualitative Kriterienzur Risikocharakterisierung herangezogen. Wir fassen die Ergebnisse einer Studiezusammen, die die Empa (Eidgenössische Materialprüfungs- und Forschungs-  Risiken und Nebenwirkungen der Informatisierung des Alltags 189anstalt) gemeinsam mit dem Institut für Zukunftsstudien und Technologiebewer-tung (IZT), Berlin, für das Schweizerische Zentrum für Technologiefolgen-Ab-schätzung erstellt hat [HBB03]. Diese Studie hat unter anderem gezeigt, dass ne-ben unbestrittenen Chancen einer totalen Vernetzung des Alltags für Gesellschaftund Umwelt auch Risiken zu beachten sind, die mit technikbedingtem Stress, mitFragen der Autonomie und Freiwilligkeit sowie mit unbeherrschbarer Komplexitätin Zusammenhang stehen. Nicht zuletzt wird die zukünftige Anwendung von IKTauch die Möglichkeit einer nachhaltigen Entwicklung maßgeblich beeinflussen. Lehren aus der Vergangenheit Unerwartete, scheinbar paradoxe Phänomene sind die besten Ausgangspunkte fürein vertieftes Verständnis komplexer Systeme. In diesem Abschnitt sind unter die-sem Gesichtspunkt einige Ergebnisse zu den Wechselwirkungen zwischen IKTund ihren Benutzer/innen im Kontext von Organisationen zusammengestellt. Dergemeinsame Nenner der zitierten Ergebnisse ist der  Rebound-Effekt  , eine ökono-mische Erklärung der häufig kontra-intuitiven Auswirkungen technischer Effi-zienz. Für eine zukünftige „Informatisierung des Alltags“ wird es entscheidendsein, diese (und ähnliche) Effekte realistisch einzuschätzen, um Wege zu ihrerVermeidung zu finden. Vorbemerkungen zu Effizienz und Rebound-Effekt Effizienz im weitesten Sinn ist das Verhältnis von Ergebnis (Output) zu benötigtenRessourcen (Input). Verdoppelt sich die Effizienz eines Vorgangs, so kann doppeltso viel Output mit gleich viel Input erzeugt werden wie zuvor oder auch der glei-che Output mit der Hälfte des Inputs. Die Effizienz gibt lediglich das Verhältnisan. Im Gegensatz zu Effektivität  ist Effizienz immer eine Verhältniszahl.Abhängig davon, welche Ressourcen man auf der Inputseite betrachtet, kannman verschiedene Arten von Effizienz definieren. Betrachtet man beispielsweisenur die Ressource „Zeitaufwand“, so kann man von „Zeiteffizienz“ sprechen. An-dere Arten von Effizienz ergeben sich, wenn man statt Zeit etwa den Input anEnergie betrachtet (Energieeffizienz); oder den Materialverbrauch (Materialeffizi-enz), den benötigten Raum (Raumeffizienz) oder das Geld, das ausgegeben wer-den muss (Kosteneffizienz).Die IKT hat fast unglaubliche Fortschritte in allen genannten Formen von Effi-zienz gemacht, wenn man die Hardware-Leistung als Output betrachtet. 1 Schon inden 1980er Jahren hat die amerikanische Presse die viel zitierte Analogie zwi-schen IKT und Automobil populär gemacht: Wenn die Automobilindustrie diegleichen Fortschritte gemacht hätte wie die Computerindustrie, hätte ein Rolls-  1 Hinter dieser Entwicklung steht das sogenannte Moore’sche Gesetz, dessen genaue Be-deutung und empirische Gültigkeit hier jedoch nicht thematisiert werden sollen (vgl. aber[Mat03]).  190 Lorenz M. Hilty Royce damals 2,50 Dollar gekostet und mit einer Tankfüllung zwei MillionenMeilen zurückgelegt. Heute, im Jahr 2006, würde der Rolls-Royce nur noch weni-ge Cents kosten und wahrscheinlich als Werbegeschenk verteilt werden. Und dasNachfüllen des Tanks wäre nicht vorgesehen.Aus der Ökonomie ist bekannt, dass Effizienzverbesserungen häufig einen so-genannten Rebound-Effekt nach sich ziehen. Das bedeutet, dass eingesparte Res-sourcen (Zeit, Geld, Energie, ...) unter bestimmten Voraussetzungen zu einer Aus-weitung der Nachfrage führen, so dass absolut gesehen keine Einsparung eintritt.Wenn die Mengenausweitung die mögliche Ressourceneinsparung exakt kompen-siert, spricht man von einem Rebound-Effekt von 100%.Das bekannteste Beispiel hierfür ist die historische Verkehrsentwicklung (oderauch der heutige Vergleich des Verkehrs zwischen Ländern mit unterschiedlichemEntwicklungsstand). Bedingt durch den technischen Fortschritt sind die Verkehrs-träger in den letzten 200 Jahren immer schneller geworden, d.h. eine bestimmteDistanz kann in immer kürzerer Zeit zurückgelegt werden. Die  Zeiteffizienz wurdesomit stark erhöht. Das hat jedoch nicht zu  Zeitersparnissen geführt, denn jedeEffizienzerhöhung wurde sofort durch vermehrtes Reisen kompensiert. Der Re-bound-Effekt beträgt hier ungefähr 100% und ist auch als „Constant Travel TimeHypothesis“ bekannt: Weltweit reisen die Menschen ungefähr 70 Minuten pro Tag(Jahresdurchschnitt pro Person) und zwar sowohl in Tansania als auch in denUSA. Das Einzige, was sich mit dem technischen Fortschritt und den damit ver-bundenen Effizienzverbesserungen ändert, ist die pro Kopf zurückgelegte Distanz,die in den USA um ein Vielfaches höher ist als in Tansania. Dieser Rebound-Effekt führt unter anderem dazu, dass der Energieverbrauch des Verkehrs ständigzunimmt, da dank schnelleren Transportmitteln in der gleichen Zeit immer mehrbzw. immer weiter gereist werden kann.Ein weiteres Beispiel ist der Ersatz herkömmlicher Korrespondenz durchE-Mail. E-Mail ist zweifellos eine wesentlich zeiteffizientere Kommunikations-methode, weil das Ausdrucken eines Bogens, das Kopieren von Beilagen, dasHantieren mit Briefumschlägen usw. entfällt. Dennoch zeigt die Alltagserfahrung,dass wir heute mehr Zeit für E-Mails aufwenden als früher mit dem Lesen undSchreiben von Briefen, weil die Anzahl der Nachrichten pro Zeiteinheit stark an-gewachsen ist. Dies liegt zum einen an der Möglichkeit, mit gleichem Zeitauf-wand mehr Kontakte zu unterhalten. Zum anderen spielt aber auch die Über-tragungsgeschwindigkeit eine Rolle: Allein die Tatsache, dass man innerhalb vonMinuten reagieren bzw. eine Antwort erhalten kann, während Briefe erst amnächsten Tag ankommen, sorgt für eine höhere Austauschfrequenz und damit fürmehr Aufwand pro Zeiteinheit. Diese Effekte summieren sich offenbar zu einemRebound-Effekt von über 100%. (Zum Rebound-Effekt siehe auch [Bin01], Kapi-tel 5 in [HBB03] sowie [HKS05].) Langsamer arbeiten mit schnelleren PCs Die Effizienz der PC-Hardware als Rechenleistung pro Geld-, Volumen- oderMasseneinheit nimmt, wie oben erwähnt, laufend zu. Für die Benutzer/innen äu-  Risiken und Nebenwirkungen der Informatisierung des Alltags 191ßert sich dieser Fortschritt konkret darin, dass nach jedem Ersatz eines PCs nachdurchschnittlich 2-3 Jahren ein wesentlich leistungsfähigeres Modell auf demSchreibtisch steht, in der Regel mit einer neuen Version von Betriebssystem undAnwendungssoftware.In einem gemeinsamen Projekt mit der schwedischen Königlich-TechnischenHochschule (KTH) hat meine Forschungsgruppe die Frage untersucht, wie dieseEntwicklung sich auf die Arbeitseffizienz der Benutzer/innen auswirkt [HKS05,Den05]. In einem Laborversuch wurde die Zeit gemessen, die 42 Versuchsperso-nen benötigten, um vorgegebene Aufgaben zur Dateiverwaltung und Textverarbei-tung mit unterschiedlich leistungsfähigen PCs zu erledigen.Für das Experiment haben wir die im geschäftlichen Umfeld meistverbreitetenPC-Konfigurationen der Jahre 1997, 2000 und 2003 rekonstruiert (siehe Tabelle).Die technischen Daten zeigen den eindrucksvollen Fortschritt auf der Ebene derHardware. Eigenschaften der verwendeten PC-Systeme (Quelle: Empa) System A B CJahr 1997 2000 2003Taktfrequenz 233 MHz 801 MHz 1992 MHzArbeitsspeicher 64 MB 128 MB 256 MBHintergrundspeicher 2 GB 20 GB 56 GBBetriebssystem Microsoft Win-dows NTMicrosoft Win-dows 2000Microsoft Win-dows XPTextverarbeitung Microsoft Word97Microsoft Word2000Microsoft Word2002 Methode  Die Aufgaben bestanden in einfachen PC-basierten Aktivitäten, wie sie im Büro-alltag häufig vorkommen (darunter das Kopieren, Verschieben, Auffinden undUmbenennen von Dateien, das Ersetzen und Formatieren von Text sowie das Posi-tionieren von Abbildungen in einem Textdokument). Die Aufgaben waren so de-finiert, dass sie mit allen drei Systemen lösbar waren 2 und außerdem die Hardwarespürbar belasteten (eingebundene Fotografien, sehr lange Textfiles).Den Versuchspersonen wurden zwei Aufgaben gestellt, im Folgenden „filehandling“ und „text editing“ genannt, die sie mehrfach und möglichst schnell anden drei Systemen auszuführen hatten. Die verschiedenen Ausprägungen einerAufgabe waren strukturell gleich. Bezeichnungen, Seitenzahlen usw. waren je-  2 Die Untersuchung sagt somit nichts darüber aus, wie sich die Verfügbarkeit neuer  Funk-tionen, die auf den älteren Systemen noch nicht existierten, auf die Arbeitseffizienz aus-wirkt. Wir gehen jedoch davon aus, dass die gewählten Aufgaben Tätigkeiten entspre-chen, die auch heute und in Zukunft einen erheblichen Teil der typischen PC-basiertenBürotätigkeit ausmachen.
Search
Similar documents
View more...
Tags
Related Search
We Need Your Support
Thank you for visiting our website and your interest in our free products and services. We are nonprofit website to share and download documents. To the running of this website, we need your help to support us.

Thanks to everyone for your continued support.

No, Thanks
SAVE OUR EARTH

We need your sign to support Project to invent "SMART AND CONTROLLABLE REFLECTIVE BALLOONS" to cover the Sun and Save Our Earth.

More details...

Sign Now!

We are very appreciated for your Prompt Action!

x