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Der Umgang mit den Zeugnissen sowjetischer Erinnerungskultur als konservatorisches Problem. Anmerkungen zum Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne

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Anfang 2011 hat die Forderung nach einer "Rückführung" des Obelisken auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne in seinen bauzeitlichen Zustand für eine kontroverse öffentliche Diskussion gesorgt: Das an der Spitze des
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  DIMITRIJ DAVYDOV Der Umgang mit den Zeugnissen sowjetischerErinnerungskultur als konservatorisches Problem Anmerkungen zum Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne * Anfang 2011 hat die Forderung nach einer „Ru¨ckfu¨hrung“ des Obelisken auf dem sowjetischen Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne in seinen bauzeitlichenZustand fu¨r eine kontroverse o¨ffentliche Diskussion gesorgt: Das an der Spitzedes Obelisken angebrachte orthodoxe Kreuz sollte demontiert und durch eineroteFahne(sog.„Siegesfahne“)ersetztwerden,dieesandieserStelleurspru¨nglichgegebenhat. 1 Wa¨hrendimMittelpunktderaktuellenDebattedie(negativen)Kon-notationen der sowjetischen Staatssymbole einerseits und der mutmaßliche bzw.ausdru¨ckliche Wille der Erbauer des Obelisken andererseits gestanden haben, hatman die denkmalfachliche Dimension des Vorgangs – bei dem gesamten Ehren-friedhof einschließlich des umstrittenen Obelisken handelt es sich um ein einge-tragenes Baudenkmal – weitgehend ausgeblendet.Wendet man sich nun der Forschungsliteratur zur Geschichte des Gefange-nenlagers Stalag 326 (VI K) und des zugeho¨rigen Gedenkensembles zu, wirdman ebenfalls die denkmalfachliche Perspektive, und damit auch eine Kla¨rungderFragenachderRekonstruktionswu¨rdigkeit 2 derverloren gegangenensowjeti-schen Symbolik, vermissen. Der aktuelle „Fahnenstreit“legtes deshalb nahe, sichmit der Frage des Denkmalwerts und des denkmalgerechten Umgangs mit denZeugnissen sowjetischer Erinnerungskultur zu bescha¨ftigen.In Anbetracht des 2006 erzielten Konsenses blieb eine weitere denkmalfach-liche Aufarbeitung des Falls Stukenbrock und – damit einhergehend – eine ein-deutige Positionierung des Fachamtes zur Frage der Rekonstruktionswu¨rdigkeitder verloren gegangenen sowjetischen Symbolik weitgehend aus. Der ju¨ngste„Fahnenstreit“ legt es allerdings nahe, sich der Frage des Denkmalwerts und desdenkmalgerechten Umgangs mit den Zeugnissen sowjetischer Erinnerungskulturzuzuwenden. 1. Ursprung und Entstehung des Ehrenfriedhofs Der sowjetische Ehrenfriedhof in Stukenbrock-Senne – in Nordrhein-Westfalendie gro¨ßte und wohl bedeutendste Anlage dieser Art – entstand im Mai 1945 alseine von zahlreichen Gedenksta¨tten, die meist unmittelbar nach dem Ende des * Der Beitrag gibt ausschließlich die perso¨nliche Auffassung des Autors wieder.1 Bernd  Do¨rries : Flagge Zeigen. In Westfalens Provinz gibt es Streit um eine Sowjet-Fahne, in: SZ v.11.4.2011; Reiner  Burger  : Hoch die rote Fahne? in: FAZ.NET v. 5.4.2011.2 Die anfa¨nglichen Zweifel an der Rekonstruktionsfa¨higkeit der Fahne wurden 2006 durch pra¨ziseAngabenvonD. P.Orolov,einem anderErrichtung desDenkmals beteiligten ehemaligen Gefangenendes Stalag 236 (VI K) ausgera¨umt. Quelle: Westfälische Zeitschrift 163, 2013 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte" URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org  320 Dimitrij Davydov Zweiten Weltkriegs, in Einzelfa¨llen aber auch schon fru¨her, u¨berall in Deutsch-land von den U ¨  berlebenden der Kriegsgefangenenlager zu Ehren ihrer totenKameraden angelegt worden sind.Bereits wenige Tage nach der Befreiung des Gefangenenlagers Stalag 326 (VIK) 3 durch Einheiten der 2.US-Panzerdivision (am 2.April 1945) fasste die Fu¨h-rungsriege der Gefangenen unter Oberst S. I. Kurinin, 4 den Entschluss, auf demGra¨berfeld des Lagers eine Gedenksta¨tte zu Ehren der in der Lagerhaft durchHunger, Krankheiten und Misshandlungen zu Tode gekommenen Soldaten undOffizieresowiezurMahnungdernachfolgendenGenerationenzuerrichten. 5 DerEntwurf eines als „Denkmal fu¨r die in faschistischer Kriegsgefangenschaft zuTode gequa¨ltenrussischen Soldaten“bezeichnetendreikantigenObeliskenwurdevomehemaligen Lagerinsassen AlexanderMordan’, einem aus Moskau stammen-den Ku¨nstler, 6 sowie zwei weiteren ehemaligen Kriegsgefangenen, Major ViktorChoperskij (einem Bauingenieur aus Nowotscherkassk) und Hauptmann Niko-laj Smirnov (einem Leningrader Heizungsbauingenieur), 7 innerhalb von wenigenTagen erarbeitet: Bereits am 5.April 1945 wurde er von der sowjetischen Lager-leitunggenehmigtund dem amerikanischen Hauptquartierzur Abstimmungvor-gelegt.Das Denkmal – als erster Teil des geplanten Ehrenfriedhofs – war bis zum30.April fertig gestellt; am 2.Mai 1945 erfolgte die feierliche Einweihung im Bei-sein der Vertreter der amerikanischen Streitkra¨fte. 8 Nach der Einweihung desFriedhofs wurde in einer zweiten Bauphase bis zum 1.Juni 1945 eine insgesamt553 lange Einfriedung des Gela¨ndes erstellt, einschließlich des (nicht mehr erhal-tenen) ho¨lzernen Haupttors, das von einem fu¨nfeckigen Schild mit der russischenAufschrift „Friedhof der russischen Kriegsgefangenen“u¨berfangen war (Abb.1).Dem folgten in einer dritten Phase (bis zum 23.Juni 1945) die Anfertigung der 3 Zur Geschichte des Gefangenenlagers siehe Karl  Hu¨ser  /Reinhard  Otto : Das Stammlager 326 (VIK)Senne1941–1945. SowjetischeKriegsgefangene alsOpferdesNationalsozialistischen Weltanschau-ungskrieges, Bielefeld 1992; zahlreiche Dokumente sind auf der Homepage von M. A. Choperskij(Moskau) auszugsweise vero¨ffentlicht: http://sites.google.com/site/stalag326.4 Unmittelbar vor der Befreiung des Lagers durch die Amerikaner hat sich eine vornehmlich aussowjetischen Offizieren bestehende Gruppe von Gefangenen zur neuen Leitung des Lagers ausgeru-fen. Diesem Stab wurden die u¨brigen Gefangenen unterstellt, die man in 16 Bataillonen eingeteilt unddamit wieder zu einer sowjetischen Milita¨reinheit formiert hatte (M. E.  Erin /G. A.  Cholnyj : Die Tra-go¨die der sowjetischen Kriegsgefangenen. Geschichte des Stalags 236 (VI K) Senne. 1941–1945, Jaros-lawl 2000, S.95; V. S.  Silˇ cenko : Das Leben nach der Gefangenschaft (auszugsweise vero¨ffentlicht auf der Homepage von M. A. Choperskij, http://sites.google.com/site/stalag326).5 Vgl.Oliver  Nickel  : DerEhrenfriedhofsowjetischer KriegstoterinStukenbrock-Senne, SchloßHol-te-Stukenbrock 2010, S.13.6 Alexander Antonovi ˇ c Mordan’ (1909–1983) studierte ab 1928 an der Kunsthochschule Kiew beiPavel Golubjatnikov, wechselte dann an die Kunsthochschule in Moskau, wo er bei Alexander Dei-neka Monumentalmalerei studierte (Abschluss am 1.7.1941). ImJuli 1941 trat A.A. Mordan’, zusam-men mit anderen Studenten der Kunsthochschule, der 18.Schu¨tzendivision der Moskauer Volkswehrbei. Seine Einheit wurde bei Wjasma eingesetzt, wo er im Oktober 1941 in die deutsche Kriegsgefan-genschaft geriet.7 A. A. Mordan’ war fu¨r die gestalterische Ausfu¨hrung, V. F. Choperskij und N. P. Smirnov fu¨r dietechnische Umsetzung des Projekts verantwortlich; vgl.  Erin/Cholnyj , Trago¨die (wie Anm.4), S.97f.8 Erinnerungen von V. F . Choperskij  (http://sites.google.com/site/stalag326; teilweise abgedruckt in:Arbeitskreis Blumen fu¨r Stukenbrock e.V. (Hg.): Stalag 326 Stukenbrock, 4.Aufl., Porta Westfalica2000, S.24–28). Quelle: Westfälische Zeitschrift 163, 2013 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte" URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org  Der Umgang mit sowjetischer Erinnerungskultur als konservatorisches Problem 321  Abb.1: Ehrenfriedhof in Stukenbrock.Entwurf fu¨r die Einfriedung und die Gela¨ndegestaltung vom Mai 1945.Quelle: Privatarchiv Choperskij, Moskau Abb.2: St.Achatius-Friedhof in Stukenbrock.Entwurf fu¨r das Gefallenendenkmal vom 10.Juni 1945.Quelle: Privatarchiv Choperskij, Moskau Quelle: Westfälische Zeitschrift 163, 2013 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte" URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org  322 Dimitrij Davydov  Abb.3: Ehrenfriedhof in Stukenbrock.Entwurfsskizzen fu¨r den Obelisk vom 3./4.April 1945.Quelle: Privatarchiv Choperskij, Moskau mit russischen, englischen und deutschen Inschriften versehenen Gedenksteineauf den Kopfenden der 36 Gra¨berreihen, die weitere Gestaltung des Obelis-ken und dessen unmittelbarer Umgebung (so wurden die Sowjetsterne mit einerKunstglasschicht u¨berzogen und Eckpfeiler der Einfriedung erneuert und mitsteinernenVasenversehen)unddieAnlagevonGehwegenmitBa¨nken. 9 Zeitgleichwurde auf dem benachbarten Kommunalfriedhof das Gemeinschaftsgrab, in demdie ersten Gefangenen des Stalag 326 (VI K) bestattet waren, mit einem weiterenDenkmalversehen(Abb.2). 10 DieletztebaulicheMaßnahmebestanddarin,andenPfeilern des Haupttors steinerne Gedenktafeln anzubringen; in diese war (wie-derumindreiSprachen)dieInschrift„DasDenkmalunddieEinfriedungsindvondenbefreitensowjetischenKriegsgefangenenerrichtetworden.Bru¨der,wirhabeneuch unsere letzte Pflicht erbracht, lebt wohl. 29.7.1945“ eingemeißelt. 11 Eine a¨hnliche Entstehungsgeschichte haben weiteresowjetische Ehrenmale inWestfalen, so z.B. die ebenfalls 1945 von ehemaligen sowjetischen GefangenenerrichtetenDenkmale in Warburg (im „Morschen Grund“) und Bocholt (aufdem 9 Ebd.10 Dieses Monument wird in den Erinnerungen der ehemaligen Gefangenen als „Kleines Denkmal“(wohl im Gegensatz zum Obelisken) erwa¨hnt.11 Erinnerungen von V. F.  Choperskij  (wie Anm.8). Quelle: Westfälische Zeitschrift 163, 2013 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte" URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org  Der Umgang mit sowjetischer Erinnerungskultur als konservatorisches Problem 323 Soldatenfriedhof an der Vardingholter Straße), die allerdings wesentlich beschei-dener ausgefu¨hrt worden sind. In Anbetrachtder knappen Bauzeitund des doku-mentarischu¨berliefertenundz.T.auchnochablesbaren AufwandesistdieAnlagein Stukenbrock-Senne allerdings landesweit ohne Vergleich. 2. Nachkriegsgeschichte Obwohl die ehemaligen sowjetischen Kriegsgefangenen vor ihrer „Repatriie-rung“ in die Sowjetunion sich bemu¨ht hatten, die Grabpflege insgesamt und ins-besondere die Instandhaltung der Denkmale auf dem Kommunalfriedhof unddem Ehrenfriedhof in Stukenbrock sicherzustellen, kam es in der Zeit nach 1950sowohl zu einer Vernachla¨ssigung der Bausubstanz als auch zu offenbar poli-tisch motivierten Versuchen einer Umgestaltung der sowjetischen Kriegsgra¨-bersta¨tte. Die dokumentierten Vorschla¨ge reichten von einer bloßen Erschwe-rung des Zugangs zum Obelisken, u¨ber dessen Versetzung an einen anderen Ortoder eine Umgestaltung (Entfernung sowjetischer Symbole und Inschriften bzw.deren Ersetzung durch andere Symbole) bis hin zum vollsta¨ndigen Abbruch mitanschließender Neuerrichtung in anderer Form. 12 Der Historiker Carsten Seich-ter, der in diesem Zusammenhang von „Ikonoklasmus“ spricht, 13 ordnet dieseVorga¨ngeinStukenbrockderinden1950erund1960erJahreninWestdeutschlandallgemein verbreiteten Tendenz zu, Zeugnisse sowjetischer Erinnerungskultur zubeseitigen oder zu vera¨ndern. 14 Tatsa¨chlich kam es in Stukenbrock zur Zersto¨rung des sog. Kleinen Denk-mals auf dem St.Achatius-Friedhof, das 1951 mit Genehmigung der britischenBesatzungsbeho¨rde abgetragen und spa¨ter durch ein anderes Monument – zurErinnerung an die im Auffanglager verstorbenen Flu¨chtlinge und Vertriebenen –ersetzt wurde. 15 Bei dem Großen Denkmal (dem Obelisken) wurde 1956 eineals „Reparatur“ bezeichnete Umgestaltung begonnen, die offenbar eine vollsta¨n-dige Demontage der sowjetischen Symbole und Inschriften beinhalten sollte. 16 NacheinerInterventiondersowjetischenMilita¨radministration beiderbritischenBesatzungsbeho¨rde wurden zwar die roten Sterne und die Inschriften wiederangebracht;bei der Entfernungder roten Fahnevon derSpitzedes Denkmals undderen Ersetzung durch ein orthodoxes Kreuz ist es aber geblieben.Weitere, allerdings vom Entwurf nicht gravierend abweichende Vera¨nderun-gen des Obelisken betrafen die Proportionen der einzelnen Elemente des Bau-werks: Infolge einer Werksteinverkleidung des Obelisken hat sich die spitzwink-ligabgeschra¨gteuntere Zone des Podestes erho¨ht, wa¨hrend die bislang schlankereobere Zone fortan gedrungener wirkte. Zugleich wurde die Stufenanlage vera¨n- 12 Carsten  Seichter  : Nach der Befreiung. Die Nachkriegs- und Rezeptionsgeschichte des Kriegsge-fangenen-Mannschafts-Stammlagers „Stalag 326 VI K“ Stukenbrock, Ko¨ln 2006, S.44, 50f.13 Ebd., S.50.14 Ebd., S.42.15 Vgl.  Nickel  , Ehrenfriedhof (wie Anm.5), S.30.16 Vgl.  Seichter  , Befreiung (wie Anm.12), S.50f. Quelle: Westfälische Zeitschrift 163, 2013 / Internet-Portal "Westfälische Geschichte" URL: http://www.westfaelische-zeitschrift.lwl.org
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