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Philosophie als Literatur bei Nietzsche, Deleuze und Borges Augenblick, Ewigkeit und Wiederholung als existenzielle Erfahrungen der Zeit

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The interweavement of philosophy and literature allows to gain a new sense from the own, lived experiences and to express them through narrations, as the paradigmatic works of Nietzsche, Deleuze and Borges show. They all deal with the inexorability
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  Philosophie als Literatur bei Nietzsche, Deleuze und Borges Augenblick, Ewigkeit und Wiederholung als existenzielleErfahrungen der Zeit Irene Breuer Bergische Universität Wuppertal * ibreuer@hotmail.com  A BSTRACT . The interweavement of philosophy and literature allows to gaina new sense from the own, lived experiences and to express them throughnarrations, as the paradigmatic works of Nietzsche, Deleuze and Borgesshow. They all deal with the inexorability of time and the fact of being atthe mercy of the unwanted aspects of Being-in-the-world, the detailedreading of which allows us to assert that the event of the emergence of anew sense lies in the experience of the creative power of the instant,wherein the difference is introduced as the first principle through aCopernican turn and where the eternity expresses itself. In fact, theinstant in its repetition results from a strike of chance, an assumptionwhich leads to a new understanding not only of time as a network ofdestinies, but of eternity as extensive, intensive or ecstatic eternity. Beinginvolved in this experience means to undergo an existential experience oftime which produces an irrevocable change of the self. K EYWORDS .  Borges; Deleuze; Nietzsche; Time; Difference. * Correspondence: Irene Breuer – Zentrum für Graduiertenstudien (ZGS) - BergischeUniversität Wuppertal, Gaußstraße 20, 42119 Wuppertal, Deutschland. Metodo Vol. 6, n. 1 (2018)DOI: 10.19079/metodo.6.1.255  256 Irene Breuer “Philosophie als Literatur” zeichnet sich durch zwei Disziplinen aus, die durch eine “Als-Struktur“ in ihrer Andersartigkeit zugleichaufeinander bezogen sind. Diese Struktur, die als solche eine in sich«differentielle Struktur» 1  – etwas “als” etwas anderes – besitzt, schließt den Unterschied von zwei zugehörigen Disziplinen ein: Beidethematisieren die Erfahrungen, die man im Alltag macht. Während esin der Philosophie darum geht, der Erfahrung eine neue Einsicht bzw.einen neuen Sinn abzugewinnen, strebt die Literatur danach, diesenErfahrungen durch Erzählungen auszudrücken. Zu Recht hebt Jean-François Marquet hervor, dass das Wort comme, als, inquantum ,vielleicht die gesamte Philosophie in eine erschöpfende Formel fasst,insofern sie auf das « evénément même de l‘appropriation à soi », oder aufDeutsch, auf das Ereignis  verweist 2 : Und zwar auf das Ereignis imSinne einer neuen Einsicht, die unsere vorgängigen Überzeugungenwiderlegt. 3  Denn die Erfahrung, so Hans Georg Gadamer, die «diesenNamen verdient», kann nicht zu Wissen oder Belehrung reduziertwerden; vielmehr meint sie jene Erfahrung, die, selbst erworben, eineErwartung durchkreuzt. 4  So enthält jede neue Einsicht «ein Momentder Selbsterkenntnis» 5 , ein Moment der “Wiederkehr” auf ein Wissen oder sogar auf Gewohnheiten, die vorerst als selbstverständlicherachtet, durch konkrete Erfahrungen revidiert werden. Es sind eigenserlebte Erfahrungen, die neue Einsichten als Ereignis eines neuenSinnes hervorbringen und die in Form von Erzählungen Eingang indie Lebensgeschichte finden. Dafür bedienen sich Philosophie undLiteratur gleichsam der Sprache. Das heißt, der neu entstandene Sinnwird von der Philosophie in Begriffe und von der Literatur inMetaphern in einer einheitlichen Form erfasst. So bilden beideDisziplinen die Kehrseiten eine und derselben Münze, denn beidehaben, so Marquet, dasselbe Ziel: Sie wollen der Welt einen Spiegelvorhalten, wodurch sie sich in ihrer eigenen Wiedergabe erfassen 1Vgl. T ENGELYI  2007, 6.2M ARQUET  1995, 75.3T ENGELYI  2007, 7.4G ADAMER  1990, 362.5G ADAMER  1990, 362. Metodo Vol. 6, n. 1 (2018)  Philosophie als Literatur bei Nietzsche, Deleuze und Borges 257 kann. 6  Es handelt sich aber um keine bloße Widerspiegelung, denn dieEntstehung eines neuen Sinnes drückt sich in einem Erlebnis aus, dassich zunächst aller vorhandenen Bedeutungen entzieht. Das Erlebnisals Erfahrung eines neuen Sinnes ist also durch einen Überschuss gegenüber der Bedeutung 7  gekennzeichnet: Das Erlebte ist somit«allen bestehenden Wirklichkeitszusammenhängen entrückt», beziehtsich aber zugleich auf das Lebensganze, so Gadamer. 8  Auf diese Weisesuchen sich Philosophie und Literatur heim – wie Marquet formuliert:« chacune de ces deux tentatives reste secrètement hantée par l’autre ». 9  Diese«Heimsuchung» 10  lässt sich bei Jorge Luis Borges, Gilles Deleuze undFriedrich Nietzsche paradigmatisch aufzeigen.Im Beitrag wird der Frage des Zusammenhangs zwischen derUnerbittlichkeit der Zeit und dem Ausgeliefertsein an die ungewolltenSeiten des Daseins nachgegangen, eine Frage, die sich Philosophenund Schriftsteller – in unserer Tradition zumindest seit Heraklit –wiederholt gestellt haben. Dieser Fatalismus wurde von soverschiedenen Denkern wie die oben erwähnten angekämpft, indemsie unterschiedliche Zeitkonfigurationen untersuchten, die demMenschen und der Welt eine Neuerfindung gewähren. In diesemSinne sind Narrationen nicht nur «  Modelle der Realität », sondern auch«  Modelle für die (Veränderung der) Realität ». 11 1. Narrativisierung und Stiftung einer existenziellenZeit Gerade Paul Ricœur hat darauf hingewiesen, dass der Prozess derNarrativisierung mit der Möglichkeit der Transformation vonWissens- und Normvorstellungen sowie von Praktiken einhergeht. So 6M ARQUET  1996, vii.7Vgl. B REUER  2015, 243.8G ADAMER  1990, 759M ARQUET  1996, vii.10M ARQUET  1996, vii.11V IEHÖVER  2011, 204. Metodo Vol. 6, n. 1 (2018)  258 Irene Breuer sind Narrationen «Träger möglicher Welten» 12 , die nicht nur narrativerfasst, sondern unmittelbar erlebt werden. Narrationen binden dieZeiterfahrung als neue Beziehung zwischen Zeit und Fiktion in sichein. Die «fiktive Erfahrung der Zeit» ist eine doppelte: Sie umfasst diezeitlichen Aspekte der Welt des Textes einerseits und andererseits dieArt und Weise, wie die Welt erfahren wird, welche der Text außerhalbseiner selbst in die Wirklichkeit projiziert. Obwohl diese Weisen desErfahrens imaginär sind und nur innerhalb eines Textes existieren, bilden sie für Ricœur eine Art «Transzendenz in der Immanenz».Daher ermöglichen sie die Konfrontation mit der Welt des Lesers. 13 Aber gerade diese Fähigkeit der Literatur, die Zeit in einer Erzählungzu konfigurieren und dem Leser erlauben, sie neu zu konfigurieren, istnicht nur als eine «textimmanente Fassung der Text-Leser-Beziehung» 14  zu verstehen, sondern kann vielmehr als eine texttranszendente  Fassung dieser Beziehung aufgefasst werden. Als«Träger möglicher Welten» sind Narrationen Auslöser von neuenPraktiken und Wissensvorstellungen, die in das eigene Leben desLesers Einzug finden. Umgekehrt findet die Lebenserfahrung Einzugin die Narration, insofern es gerade die Erfahrung ist, die demunmittelbar Erlebten eine Bedeutung verleiht und sie auf das Ganzeeiner Lebensgeschichte bezieht. 15 Das Erlebnis ist ein Widerfahrnis, dassich dem Subjekt aufzwingt. Es «enthebt den Bedingtheiten undVerbindlichkeiten, unter denen das gewohnte Leben steht. Es wagtsich ins Ungewisse heraus» 16 , bleibt aber auf das Gewohnte und dielebensweltlichen Erfahrungsmöglichkeiten rückbezogen. Insofern essich um die «Erfahrung [einer Welt als] eines unendlichen Ganzen» 17 handelt, die narrativ Einzug in unserer lebensweltlichen Realitätfindet, kann die Erfahrung einer möglichen, neuerfundenen Welt alsder Inbegriff eines ästhetischen Erlebnisses  verstanden werden. 12V IEHÖVER  2011, 204, vgl. R ICŒUR  1991, 489.13R ICŒUR  1984, 16.14T ÜRSCHMANN  & A ICHINGER  2009, «Vorwort», 9.15Vgl. G ADAMER  1990, 75.16G ADAMER  1990, 75.17G ADAMER  1990, 76. Metodo Vol. 6, n. 1 (2018)  Philosophie als Literatur bei Nietzsche, Deleuze und Borges 259 Die Literatur stiftet aber nicht nur eine mögliche Welt, sondernebenso eine existenzielle Zeit  – eine Zeit, die weder repräsentiert nochgemessen werden kann. Denn keine Repräsentation der Zeit gibt unseinen Zugang zur Zeit, wie sie erfahren oder wahrgenommen wird,wie Borges und Nietzsche zeigen, so dass «unsere Karten derWirklichkeit niemals mit dem Gebiet übereinstimmen» 18  können. Eineexistenzielle Zeit ist somit eine Zeit, die in einer singulären Erfahrung “ einverleibt ”  ist und die Existenz zum Ausdruck bringt .So erklärt Deleuze am Beispiel Marcel Prousts, dass sich demSchriftsteller eine originelle Zeit in der Art offenbart, wie sie imursprünglichen Wesen einer Situation eingerollt und in einer vondiesem Wesen umhüllten Welt geboren und der Ewigkeit gleichsamist. Das Außerzeitliche bei Proust ist die Zeit in status nascendi , und esist der Schriftsteller, der sie wiederfindet. 19  Es handelt sich um dasWiederfinden einer affektiven Zeit, einer Zeit, die nur in sinnlichenErlebnissen empfunden werden kann. Denn die Zeit entsteht bei deraffektiven Färbung eines Erlebnisses, z.B. bei der genüsslichenVerzehrung einer Madeleine, bei der leidenschaftlichen Bejahung desWerdens oder bei der trostlosen Anerkennung des Ausgeliefertseinsan willkürliche Schicksalsschläge. Dabei zieht sich die Zeit zusammenoder dehnt sie sich aus, je nachdem, wie  sie erlebt wird. Im Erlebnisfindet somit nicht nur eine quantitative, sondern eine qualitative Veränderung der Zeit statt, die unserer Existenz eine individuellePrägung erteilt und in keinem Bild oder Repräsentation als bloßeMomentaufnahme enthalten sein kann. Die Aufgabe der Literaturkann keineswegs in einer «Mimesis oder Realitätsrepräsentation» 20  bestehen, weil sie als ordnendes Element gegenüber dem Chaos derWirklichkeit und der Nichtigkeit der Existenz dient.Das Scheitern jedwedes Repräsentationssystems bedeutet aberzugleich den «Triumph der Ästhetik» 21 , denn das Rätsel des 18M ONDER  2007, 48. Im Original: «nuestros mapas de la realidad nunca coinciden con elterritorio».19D ELEUZE  1964, 59.20H EDRICH  2010, 41.21M ONDER  2007, 49. Im Original: «triunfo de la estética». Metodo Vol. 6, n. 1 (2018)
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